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Lederhose & Wehmut...

Tommy Haas verabschiedete sich von seinem Lieblings-Tennis-Turnier in München. Aber sein 2. Leben hat längst begonnen

Nach dem letzten Match in München kam zuerst ein bayrisches Lederhosen-Geschenk noch auf dem Center Court, dann die Wehmut: Tommy Haas, der mit 39 auf seiner Abschieds-Turnierserie vor dem endgültigen Rücktritt eines seiner Lieblingsturnier am Aumeister im Englischen Garten beehrte, fasste  es im ersten Moment noch gar nicht, dass hier zumindest Schluss ist. Sein 4:6, 5:7 gegen Landsmann und Trainingspartner Jan-Lennart Struff in der zweiten Runde der BMW Open by FWU war sein persönliches Finale in München: „Ich werde wohl erst später kapieren, was es bedeutet, nicht mehr auf der Tour zu sein, nicht mehr zu reisen, täglich zu trainieren und vor dem Publikum zu spielen, was ich so genossen habe – aber zunächst in Madrid und Rom, evtl. auch in Paris versuche ich es noch einmal, wenn ich dort eine Wildcard bekomme. Dann freue ich mich auf meine letzten Rasen-Matches in Stuttgart und Halle – und mal sehen, vielleicht im Herbst auch noch einmal in New York...“

Es war ein Abschieds eines Idols, das selbst als 9jähiger Bub in München seinen Idolen damals zuschaute: Stich, Becker, McEenroe, Lendl, Connors & Co. Irgendwie ein etwas trauriger Abschied auch für seine Eltern und Schwestern auf der Tribüne. Nur eine freut sich auf eine weitere Zusammenarbeit mit Tommy: Gabi Windisch, die mit ihrer Sportbekleidungsfirma „Sportkind“ den Dressman des Tennissports weiterhin als Testimonial vorzeigen darf. Er macht ja auch als 39jähriger immer noch eine super-gute Figur...

Journalist Conny Konzack, begleitete Tommy Haas viele Jahre auf der Tour, schrieb mit Vater Peter Haas das Buch über die Entdeckung und Entwicklung Tommys vom Talent zum Top-Star und verabschiedete ihn auch im offiziellen Magazin der diesjährigen BMW Open. Auszüge...:

Alles erreicht. Nichts bereut.

Ewig junger alter Haas(e): Tommy, Comeback-Künstler des internationalen Sports, feiert eine Saison lang sein endgültiges Karriere-Ende. Besonders in München...

19. März 2017 in der Wüsten- und Retorten-Tennisstadt Indian Wells in Südkalifornien: Stolzer und glücklicher hat er nie ausgeschaut als bei dieser Siegerehrung von Roger Federer. Und als ihn der Branchen-Primus selbst – deutlich hörbar für die gesamte Tenniswelt – auch noch zu seinem Debüt als Turnierdirektor überschwänglich lobte, wurde der 1.88m-Hüne in seiner lässigen Jeans und dem schneeweißen Hemd nochmals um ein paar Zentimeter größer: Tommy Haas, der wenig später am 3.April 39 Jahre jung wurde, war quasi schon in seinem zweiten Leben angekommen, obwohl das erste noch  nicht ganz zuende ist. Das vollzieht der Tennis-Beau jetzt erst, mit einer langen Farewell-Tour auf Turnieren, bei denen er sich in 21 Profi-Jahren immer wohl gefühlt hat: Stuttgart, Hamburg, Halle, New York (wo ihn 2002 nur eine Schulterverletzung am Grand Slam-Finale hinderte) – und in München. Genau vor 15 Jahren, 2002, wurde er nach seinen Profi-Debüt 1996 schon die Nummer 2 der Welt auf der ATP-Tour.

Comeback-Künstler

Frauen sahen in dem „Dressman des Tennissports“ schon immer eher den „tollen Typ“ als den Siegertyp. Und auch Männer bewunderten ihn deshalb, neben den 15 Turniersiegen seit seinem Profi-Debüt 1996 und seiner Überraschung als 19jähriger Halbfinalist in Hamburg 1997. Aber noch mehr bewundern ihn Sportler aus aller Welt und aus allen Sportarten für seine Comeback-Qualitäten: Kein Top-Sportler war so oft verletzt und feierte so oft eine Rückkehr ins Rampenlicht.

Wo immer Tommy Haas in der Tennis-Welt auch auftaucht, kommen ihm Sympathien entgegen. Und nicht nur, wenn er das Hemd auf den Center Courts wechselte und „body talkte“....Bei den 30. BMW Open und 102. Int. Bayrischen Meisterschaften startet am 1. Mai  sein sage und schreibe fünftes (!) Comeback – erneut nach monatelanger Verletzungspause...

Der Sechste unter lauter Legenden...

Aber schon 2015 hatte er mit seinem 36. Geburtstag erreicht, was nur sechs andere Tennis-Legenden vor ihm schafften: Nach den namhaften Tennislegenden Rod Laver, Jimmy Connors, Roy Emerson, Arthur Ashe, Ken Rosewall und André Agassi trat Thomas Mario Haas in den erlauchten Kreis jener Tennisprofis ein, die als „Ü36“ noch eine Top 20-Platzierung in der Weltrangliste einnahmen. Da war Tommy 16. der Weltrangliste, musste aber kurz darauf ein drittes Mal an der Schulter operiert werden. Doch immer wieder fing er motiviert von neuem an, dieser Comeback-Künstler, der immer positiv dachte – und denkt. Für Tommy war – das darf der Autor dieser Zeilen und der Haas-Biographie behaupten – das Glas immer eher halb voll als halb leer...

Haas ist das Stehaufmännchen des internationalen Tennis. Immer wieder Rückschläge, immer wieder Comebacks. Das allergrößte 2004 nach 467 Tagen (!) Verletzungspause – so lange war nie ein Spieler „weg“ –  und kehrte dennoch in die Weltelite zurück. Tommy: „Aber schon seit 2013 läuft mir ja eigentlich die Zeit davon. Allerdings hat Jimmy Connors ja auch erst mit 39 aufgehört, nachdem er eigentlich schon ein Jahr früher wegen einer Handverletzung den Job quittieren wollte. Dann hätte er aber mit 39 das super Erlebnis, sogar noch einmal ins Halbfinale der US Open zu kommen, gar nicht gehabt. Jeder sollte aufhören, wann er es für richtig hält...“

In München-Bogenhausen fing alles an...

Tommy Haas kennt die Arzt-Praxen und Physios dieser Welt mindestens ebenso gut wie die Center Courts. Trotz seiner Top-Technik – als zweitbester deutscher Tennisspieler nach Boris Becker kombinierte er die solide, profunde deutsche Tennisschule mit der Motivations-Theorie seines langjährigen US-Coaches Nick Bolletieri bestens. Doch der Körper streikte immer wieder einmal.  Aber die mentale Stärke, die er so oft auf dem Tennisplatz bewies, half Tommy enorm. Letztendlich wurde es eine Erfolgs-Story made in Germany, die vor 30 Jahren (als Tommy also 9 war...) in München-Bogenhausen begann...

...als der Wiener Journalist Oskar Brunnthaler, der im Hause Burda die Österreich-BUNTE verantwortete, und mit einigen Kollegen – darunter Focus-Gründer Helmut Markwort – und seinem Landsmann Peter Haas ein zündende Idee realisierte: Hobby-Tennislehrer Peter Haas aus Graz hatte schon in seiner Hamburger Zeit an die große Gabe seines kleinen Tommy geglaubt – und mit ihm wie einst Peter Graf mit Steffi  stundenlang „Ball über die Schnur“ geübt... Die Filzkugel entfachte den Ehrgeiz des Juniors – und ein einmaliges Förderkonzept folgte: Die TOSA GmbH mit den Protagonisten Tommy und seiner Schwester Sabine, die ebenfalls gut „traf“ und auch am 1. Mai ihrem Bruder die Daumen drückt.

Die insgesamt 15 Förderer zahlten damals, klugerweise mit Rendite-Garantie, freiwillig so viele D-Mark ein, das Peter   Haas seinem Junior die Reisen finanzieren konnte, u.a. und immer öfters nach Florida zu Nick Bolletieri...ein Konzept, das weltweit oft kopiert wurde.

Valentina jubelte ihm schon zu...

Tommy ist eng mit dem Indian Wells-Boss, America’s Cup-Impressario und Oracle-Gründer Larry Ellison befeundet. Der vertraute ihm nach Sex-Kommentaren des Ex-Turnierchefs Raymond Moore die Turnierleitung an, weil man sich eh schon kannte: Tommys Schwiegervater David Foster, der berühmte Musik-Produzent, hatte dem Milliardär mal ein Haus verkauft...

Und so kam es, dass Tommy in seinem eigenen Turnier auch noch in Runde 1 mitspielte - und sich einen weiteren all seiner tollen Träume erfüllte: „Mein Wunsch war ja seit ihrer Geburt, dass mich meine Tochter Valentina noch bewusst als Spieler wahr nimmt.“ Der ging in Erfüllung...sie jubelte in Indian Wells ihrem Daddy zu, trotz Niederlage...

Seit 2010 leben Sara Foster und Tommy Haas mit Valentina in Los Angeles. Tommy: „Ich genieße in diesem Abschiedsjahr natürlich jedes Turnier, weil ich weiß, das manche Momente nie wieder kommen. Tennis hat mir alles gegeben und ich habe nichts bereut.“

Good luck im zweiten Leben, Tommy!

P.S.: Boris Becker, dem während der Münchner Tenniswoche der „Lebens-Award“ überreicht wurde (all you can read berichtet) , gab Tommy schon für die Zukunft einen Tipp, den er selbst aufgrund vieler Operationen nicht einhalten konnte: „Langsam den Körper abbauen....“ Tommy beherzt es schon: Auch als Turnierdirektor in Indian Wells trainierte er täglich eine Stunde und machte mittags im Stretching Turnier-Büro...

 

Conny Konzack

 

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